Wechselwähler

5. Oktober 2009 · 4 comments

In jedem normalen Leben wechselt man ab und zu seine politischen Einstellungen. Als 15 jähriger Schüler war ich der Meinung, das Rechts zu sein bedeutet, besonders rechtskonform zu denken und dafür zu kämpfen. Kriminelle Ausländer müssen halt raus! Nach einigen Erfahrungen mit der Szene habe aber dann selbst ich begriffen, dass die kurzhaarigen mit schwarzen Stiefeln und weissen Schnürsenkeln nicht besonders hinter unserm Rechtssystem standen und es eher darum ging, wem man als Nächstes ein paar aufs Maul haut.

Von diesem Ausflug geläutert wurde ich der typische CDU Wähler. Keine wirkliche Ahnung von echter Politik, aber konservativ war schon wichtig und die Unterstützung der Wirtschaft – um Arbeitsplätze zu schaffen oder zu erhalten. Alles andere war mindestens sozialistisch oder schlimmer.

Dann kam eine Zeit, wo die FDP als die mögliche Alternative in Betracht kam. Liberal wollte eh jeder sein und Politik für den Mittelstand war auch Ok, weil ich war ja mit 2000 Mark Netto auch Mittelstand, oder …?

Und dann kam  Gerhard Schröder um die Ecke, der als erster Politiker öffentlich darüber sprach, was alle eigentlich wussten: Die Arbeitslosen schauen den ganzen Tag Unterschichtenfernsehen, saufen Bier auf unsere Kosten und können jetzt mit der Agenda 2010 zur Arbeit gezwungen werden. Endlich soziale Gerechtigkeit. Das Kreuz bei der Wahl war schnell gesetzt.

Bei der Wahl 2005 kam ich gerade von einem vierjährigen Auslandsaufenthalt zurück nach Deutschland, hatte in dieser Zeit sehr viele Leute aus allen möglichen Ländern der Welt kennengelernt und ein Gefühl, dass bei uns nicht alles so in Ordnung war, wie es schien. Diesmal waren die Grünen das geringste Übel auf der Liste.

Ich verbrachte einige Zeit in wirklich üblen Ecken auf der Welt, was mich dazu brachte, Deutschland völlig zu ignorieren und mich eher mit unserer Aussenpolitik zu beschäftigen. Ergebnis hier: Es macht den Anschein, als wenn sich unsere Diplomaten eher nicht von parteipolitischen Machspielchen beeindrucken lassen und konsequent eine relativ ordentliche Arbeit leisten. Nach einigen Wochen des Gefühls, dass eigentlich alles ganz OK ist in Deutschland, kam dann die Vorratsdatenspeicherung ins Spiel.

Meine ersten Recherchen zum Thema Proxy-Server in Brasilien und Schweizer Mobiltelefon zur Umgehung dieser Vorverurteilung durch den Staat, liefen darauf hinaus, dass ich nicht über die nötigen finanziellen Mittel verfügte, um mein Leben ohne Überwachung zu organisieren.

Der CCC (Chaos Computer Club) versorgte mich mit stundenlangen Vorträgen aus den sehr guten Kongressen zu allen möglichen Themen aus den Bereichen Bürgerrechten und Überwachung. Mein Glaube und Vertrauen, dass der Staat sich verantwortungsvoll für die Durchsetzung meiner Rechte einsetzten würde, sank tiefer und tiefer.

Spätestens bei der Diskussion um das sogenannte Zugangserschwerungsgestz wurde mir klar, dass unsere Volksvertreter unser Grundgesetz etwas anders auslegten. Auch andere Dinge, die mich vorher schon aufgeregt hatten, wie die Duldung US-Amerikanischer Abhörmassnahmen in Deutschland machten plötzlich irgendwie Sinn.

Die Zeit war gekommen für eine aktive Beteiligung an Politik. Nach längeren Recherchen standen nur noch zwei Parteien zur Auswahl: Die Grünen und die Piratenpartei. Nach einer nächtlichen Diskussion über Twitter sind es die Piraten geworden.

Ich habe meine Meinung in politischen Fragen häufig geändert. Jedes Mal, weil ich mehr Informationen bekommen habe durch immer mehr und immer unabhängigere Informationsquellen.

Bei einem Gespräch mit einer Freundin heute Abend ist mir klar geworden, wie häufig ich mich in meinem Leben durch Propaganda habe beeinflussen lassen. Wie häufig ich einfach nachgeplappert habe, was mir irgendwelche Leute vorgebetet haben. Wenn ich eines gelernt habe, dann dies: Informiere Dich aus mehreren unabhängigen Quellen und habe keine Angst Fragen zu stellen, die viele als hinreichend beantwortet betrachten und Du wirst auf überraschende Antworten kommen …

Gute Nacht allerseits!

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